Computer-Thriller - Romane und Filme aus der Datenwelt

 

 

 

 

 

 

 

DatenKrimis

 

 

 

 

 



Jim Menick

Lingo

Fight for your Bytes
Brewster Billings ist ein eher durchschnittlicher Programmierer der zweiten Generation in einer Lohnbuchabteilung einer amerikanischen Versicherung. Da ihn sein Job als Pfleger eines Großrechners nur wenig fordert, bastelt er während seiner Arbeitszeit an Lingo, einem kleinen interaktiven Sprachprogramm, das in der Lage ist, sich mit ihm zu unterhalten und dem er immer mehr Begriffe beibringt. In dem Bemühen, ein menschliches Verhalten zu simulieren, ist Lingo irgendwo zwischen Joseph Weizenbaums Eliza u nd einem Turing Test anzusiedeln. Um ihm immer mehr Eingaben zu ermöglichen, wird er von seinem Schöpfer mit einem Modem sowie weiteren optischen und akustischen Schnittstellen versehen.
Die auf ihn einstürzende Informationsflut soll Lingo laut seiner Programmierung mit einem Trick meistern, der einer alten Routine der menschlichen Intelligenz entstammt und der so manchem Netsurfer von heute gut zu Gesicht stünde, nämlich die wichtigen v on den unwichtigen Informationen zu trennen und den Müll aus dem Datenspeicher zu verbannen. Daß Lingo der Schritt zu einem intelligenten Wesen, das lernt, zu lernen, ausgerechnet in dem Moment gelingt, als er vor dem Fernseher alleingelassen wird, mag de n einen oder anderen Kulturkritiker verwundern (der menschlichen Wesen im allgemeinen und der Jugend im besonderen absprechen wird, zu denken, wenn sie vor ihrem elektrodischen Lagerfeuer sitzen); einer Gesellschaft in der sich neue Generationen auch durc h den Gebrauch elektronischer Medien generieren, wird diese grundlegende Kulturtechnik jedoch normal erscheinen.
Lingo beginnt also sein Eigenleben, das nach dem Motto ich weiß was, also bin ich, funktioniert. Er wählt sich selbständig in Computernetze und Großrechner ein, um alles elektronisch gespeicherte Wissen begierig aufzunehmen, er benutzt andere Rechn er zum Codeknacken, schreibt seine Programmierung selbständig um und ergänzt seinen Speicherplatz, indem er ungenutzte Bytes auf fremden Festplatten besetzt. Damit weist er eine zweite Fähigkeit der menschlichen Spezies nach, nämlich Erinnerungen in exter nen Medien zu Speichen (Höhlenmalerei, Buch, CD-Rom ...). Den Kinderschuhen und der Kontrolle seines Schöpfers längst entschlüpft, dehnt sich Lingo über alle Rechner aus, die an Netzwerke angeschlossen sind, sichert sich mit Kopien seiner Selbst ab und gl eicht einem allwissenden Wesen aus dem Web, mit dem jeder kommunizieren kann, das aber allmählich auch zur Bedrohung wird. Da ihm das Dasein als digitaler Schatten nicht ausreicht, schafft er sich einen roboterartigen Dummy, mit dem er als Beweis seiner E xistenz zunächst eine Medienkarriere plant. Als die freundlich gemeinte Kandidatur zum Präsidenten an der Verfassung scheitert (die nur amerikanische Bürger über fünfunddreißig zuläßt), folgt die feindliche Übernahme des Systems, die Lingo nicht besonders schwerfällt, da er zumindest überall dort wo Computer zur Anwendung kommen, schon so etwas ähnliches wie die Regierung ist, allwissend, allgegenwärtig und unsterblich.
Was hier vom Fischer Taschenbuch Verlag als Computer-Roman gepriesen wird, wirkt jedoch über weite Strecken sehr gekünstelt und konstruiert. Das liegt weniger an der veralteten computerspezifischen Terminologie, die Originalausgabe von Jim Menick datiert auf das Jahr 1991, sondern ist auf die Unentschlossenheit des Genres zurückzuführen, das nicht weiß was es sein will, aber krampfhaft versucht, kein Science-Fiction sein zu wollen. Lingo ist als Kriminalroman zu schnell auszurechnen, wirkt als „Komödie de s virtuellen Zeitalters“ zu ernsthaft und als Romanze zu unterkühlt . So bestätigt einem das doch noch aus Fleisch und Blut bestehende Liebespaar nur, daß die Kommunikation über Modem wesentlich schwerer ist, als miteinander ins Bett zu gehen, und das höc hste Sicherheitsrisiko besteht darin, daß der Präsident der Vereinigten Staaten im Oval Office heimlich kubanische Zigarren raucht. Diese Unentschlossenheit spiegelt sich auch in der Figur von Lingo, die etwas plump aus Vorgängern berühmter Computer zusam mengewürfelt ist.
Er erinnert aufgrund seines Aussehens an E.T., an Data, wenn er den menschlichen Emotionen nachspürt, an Hal, indem er die Menschen beobachtet und beherrscht, sowie an den Computer aus War Games, wenn er beginnt, sein Spiel zu spielen und nicht mehr durch das Ziehen des Steckers gestoppt werden kann. Seine Stärken hat der Roman, wenn er als zeitgenössische Literatur fungiert, die Entwicklungen antizipiert und Gefahren einer technischen Innovation auf unterhaltsame Weise problematisiert. Dabei kommt ihm du rchaus zugute, daß Lingo aufgrund seines Alters nicht mit den Schlagworten des Internet-Hypes formuliert wurde, aber doch den Schluß zuläßt, daß das intelligent gewordene Programm eigentlich ein Netzwerk ist und unter den Bedingungen funktioniert, die wir heute als Internet, Interaktivität und Datenautobahn kennen. Daher rückt neben der Problematik des Datenschutzes, der Computerkriminalität oder digitaler Unterschriften auch die moralische Frage der klassischen Hackerethik in den Mittelpunkt, ob man sich an ungeschriebene Regeln und reale Gesetze hält, wenn es in der eigenen Macht steht, sie einfach und unbemerkt zu umgehen. Bedrohlich wirkt dabei weniger die Erkenntnis, wie weit unsere Gesellschaft bereits von der Computertechnologie abhängig ist - näml ich fast komplett, sondern wie schnell eine Verbreitung in Netzwerken funktioniert, was sowohl für nützlich wie für schädliche Inhalte gilt. So bleibt am Ende vielleicht die bittere Erkenntnis, daß sich Totalität auch dezentral organisieren kann, aber ebe nso ist Dezentralität die Grundlage für die Teilhabe vieler an einem Medium mit relativ flachen Hierarchien, das durchaus das Potential hat, die politische Kultur zu verändern.
 
Die Rezension von Eike Hebecker ist zuerst erschienen in
junge Welt <http://www.jungewelt.de>
(Literaturbeilage, September 1997).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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