Computer-Thriller - Romane und Filme aus der Datenwelt

 

 

 

 

 

 

 

DatenKrimis

 

 

 

 

 


Marc Joseph

Y 2 K

Der programmierte Zusammenbruch aller Computer zur Jahrtausendwende - die Welt droht im Chaos zu versinken. Der Spekulant Copeland will daran ein Vermögen verdienen. Der Computer-Freak Doc soll ihm ein Programm entwickeln, das alle Rechner fit macht für den letzten Tag. Bekommen wird es natürlich nur der, der auch dafür zu zahlen bereit ist.
Aber Doc will zusammen mit seinen Computer-Samurai die retten, die nicht gerüstet sind : vor allem seine Heimatstadt New York. Sein geheimes Projekt erhält den Decknamen Y2K New York. Als der D-Day Zeitzone für Zeitzone näher rückt, überschwemmen Horrormeldungen aus aller Welt die amerikanische Metropole. Die Bevölkerung beginnt zu ahnen, was auf sie zukommt: Man hortet, flieht, wird gläubig.... Weder Copelands System noch Docs Pläne funktionieren einwandfrei. Silvester in New York rückt näher und näher.

Leseprobe
Copeland raste in sein Büro. Die Firma hatte ihren Sitz in einem alten, dreistöckigen, roten Ziegelbau in der Nassau Street in Lower Manhattan, nur einen Katzensprung von der Wall Street entfernt. Getrieben von seiner Vision, ließ er den Aufzug links liegen und sprintete zu Fuß hinauf in den zweiten Stock, wo Doc sein Büro hatte. Copeland klopfte an die Tür. Eigenartige Geräusche drangen nach außen. »Doc!« rief er. »Doc, ich muß sofort mit dir sprechen!« Klopfen, Klingen, dann die Antwort: »Komm rein!«
Aufgeregt schob sich Copeland in Docs Arbeitszimmer. Der Raum glich einem Computerschrottplatz, war vollgestopft mit spinnenartigen integrierten Schaltkreisen, Zentraleinheiten und Bildschirmen. Die Gerätschaften lagen herum wie Müll. Doc bearbeitete gerade unsanft einen störrischen Bildschirm mit dem Griff eines großen Schraubenziehers, als Copeland das Zimmer betrat. Der Bildschirm leuchtete auf, und Doc grinste. »Wenn alles schiefgeht«, erklärte er, »dann beziehe ich mich immer auf die Hau-Drauf-Theorie über Komponenteninstandsetzung. Zieh dem Drecksstück eins über die Rübe und wart ab, was passiert.«
Doc war 23 Jahre alt, ein riesiger, bärtiger Holzfällertyp in Flanellhemd, Jeans und Arbeiterstiefeln und einer Jagdmütze mit Ohrenklappen auf dem Kopf. Er rauchte täglich zwei Päckchen Camel und drei Joints mit erstklassigem Marihuana und ernährte sich ansonsten von Pizza und Kaffee. Mit einem bemerkenswerten iq gesegnet, der permanent auf Hochtouren lief, wurde Doc mit acht Jahren zum Hacker, als er das Paßwort seines Vaters klaute und damit in Daddys elektronischer Pornosammlung surfte. Seinen Spitznamen »Doc« hatte er schon lange, bevor er mit einundzwanzig an der Standford University seinen Doktortitel verliehen bekam. Er war ein Geek, ein absoluter Computer-Superfreak. In den letzten zwei Jahren war er zu Copelands persönlichem Hexenmeister geworden. Er war derjenige, der Copelands Ideen in durchführbare, gewinnbringende Produkte verwandelte.
»Der Millennium Bug«, sagte Copeland. »Ich habe gerade davon erfahren.« »Ach, bist du auch schon dabei, Boß?« sagte Doc und warf den Schraubenzieher beiseite. »Wir Hacker nennen ihn Y2K, für das Jahr 2000, von Year-Two-Kilo, also Tausend.« Wie ein Mantra wiederholte Copeland das Akronym. »Y2K, Y2K.«
Doc musterte seinen Boß von oben bis unten. Spöttisch ließ er seinen Blick über den perfekten Haarschnitt, die einwandfreie Erscheinung, den Maßanzug bis hinunter zu den Budapester Schuhen gleiten. »Donald, du hast diesen besonderen Ausdruck im Gesicht. Du riechst Geld.« »Der beste Geruch der Welt«, sagte Copeland. »Was weißt du über diesen Fehler? Kennst du dich aus?« »Klar.« »Erklär's mir.« »Es wird ein Desaster geben«, sagte Doc. (...)
Am nächsten Tag kauften sie in einem Lagerhaus in Queens einen fünfzehn Jahre alten Großrechner der ibm 370-Serie. Doc gab ihm den Namen Old Blue. Er ließ im obersten Stockwerk des Gebäudes in der Nassau Street eine Wand niederreißen und den Boden verstärken. Er mietete einen Kran und installierte Old Blue in seinem Computerlabor. Einen Monat lang testete er die zugehörige Software, dann bat er Copeland zu einer Demonstration.
»So also wird die Welt am 1. Januar 2000 aussehen«, verkündete Doc seinem Ein-Mann-Publikum. »Ich zeige dir jetzt, was geschehen wird, wenn man den Dingen ihren Lauf läßt.« Old Blue hatte sein Leben damit verbracht, die Buchhaltung einer Versicherungsgesellschaft zu verwalten und auszuführen.
Der Computer war zwar noch nicht sehr alt, aber wie viele Firmen hatte auch die Versicherungsgesellschaft in neue Hardware investiert, sie aber mit der alten fehlerhaften Software weiterbetrieben. Doc lud ein Buchhaltungsprogramm, das auf versicherungsstatistischen Tabellen basierte. Er verstellte die Zeit auf 23.59 Uhr, 31.12.1999, und gab dem Programm eine leichte Aufgabe. Er bat um den Terminplan für die Prämienzahlungen der nächsten zwanzig Jahre. Sechzig Sekunden lang liefen Zeilen mit wohlgeordneten grünen Ziffern über den Bildschirm. Dann sprang die Uhr auf Mitternacht. Der Rechner stotterte, und es schien, als hätte er Schluckauf.
Old Blue las das Datum »00« wie 1900, anstatt 2000, und folgerte, daß die Ziffern, die für ein Datum in naher Zukunft standen, eines repräsentierten, das weit zurücklag. Einfache arithmetische Berechnungen wurden unlösbar. Der Rechner versuchte, durch negative Zahlen zu dividieren oder mit ihnen zu multiplizieren. Old Blue versuchte, binnen Sekunden eine unendliche Regression zu berechnen, und die Ziffern auf dem Bildschirm spielten verrückt. Der Arbeitsspeicher war schnell überlastet, und das Buchhaltungsprogramm stürzte ab. Der Computer war tot.
»Voilà«, sagte Doc und zündete sich eine Camel an.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Taschenbuch # 464 Seiten # Droemer Knaur # Mchn. # Erscheint: 1999 # ISBN: 3426617048